Unser Leben

 
 
Interview mit Prof. Dr. Kinga Howorka, Erfinderin der funktionellen Insulintheapie (FIT)

Für kluge Köpfe: Die beste Schulung der Welt

Von Peter P. Hopfinger
 
Schulungsangebote für Menschen mit Diabetes gibt es einige: von Angeboten in Ambulanzen der Krankenkassen bis hin zu Kuraufenthalten. Der Riesennachteil: man wartet bis zu acht Monaten bis man auf eine Kur kommt. Diabetiker, die Schulungen brauchen (und ALLE brauchen mehr als eine Schulung zu mehr als einem Thema) finden zumindest in Wien das beste Angebot, das derzeit zu haben ist: Strukturierte Diabetes-Schulungen zu jeder denkbaren Erkrankung, die es rund um Diabetes gibt.
 
 
 
Diabetes Austria (DA): Frau Professor Howorka wann haben Sie mit Ihrer Schulung von Diabetikern begonnen?
 
Prof. Dr. Kinga Howorka: Wir haben Anfang der 80er-Jahre mit einzelnen Patienten zu arbeiten begonnen, haben 1983 die ersten Gruppen-schulungen für funktionelle Insulintherapie organisiert und bereits ein Jahr darauf die Regeln für die Berechnung der Insulindosierung in der Wiener Klinischen Wochenschrift veröffentlicht. Parallel dazu haben wir die ersten Patientenkurse abgehalten. Als Ergebnis dieser Arbeit habe ich 1987 zuerst ein Buch für Ärzte „Funktionelle Insulintherapie“, im Springer – Berlin Verlag und anschließend das Patientenbuch „Insulinabhängig?...“ im Kirchheim Verlag veröffentlicht.
 
Diabetes Austria (DA):Mittlerweile sind die beiden Bücher in der 5. bzw. 8. Auflage und rund 1.000 Patienten sind bisher nach Ihrer FIT-Methode geschult. Was sind die wesentlichen Vorteile, wenn man nach Ihrer Methode geschult wird?
 
Prof. Dr. Kinga Howorka: Für die Patienten gibt es klar erkennbare Vorteile, die ich gerne aufzähle:
 
1. Kein Spital. Unsere Schulungen werden ambulant in Kleingruppen, überwiegend an Wochenenden, durchgeführt. Das heisst: keine Aufnahme in ein Spital und auch kaum Wartezeiten, weil wir fortlaufend Schulungen zu verschiedenen Bereichen anbieten.
2. Modularer Aufbau. Die FIT-Schulung besteht aus zwei Teilen – einer allgemeinen kurzen Schulung und anschließend dem FIT-Teil, der dann Diabetikern die vollständige Selbstständigkeit und völlige Flexibilität in ihrem Leben gibt, andere Schulungen auf Wunsch.
3. Wenige Komplikationen. Nach unserem Schulungsmodell sind die Patienten dann Experten in eigener Sache. Das heisst: wir haben in 30.000 Patientenjahren nur ganz wenige Entgleisungen (Ketoazidosen).
4. Lebensqualität. Patienten, die von uns geschult wurden, können eigentlich wieder wie gesunde Menschen leben.
5. Weniger Spätschäden. Unsere Patienten haben eine wesentlich bessere Stoffwechselkontrolle und daher auch viel weniger Spätfolgen.
 
DA: Das kann ja aber nicht ausschließlich an einer einzigen Diabetesschulung liegen?
 
Prof. Dr. Kinga Howorka: Das ist richtig. Die meisten Patienten brauchen zusätzlich eine spezielle Blutdruckschulung (pdf) (Dauer: drei Abende) oder eine spezielle Bluttfettschulung (pdf) (Dauer: zwei Abende) als auch in vielen Fällen eine Programm zur Gewichtsreduktion (pdf) (Dauer: vier Abende). Notwendig ist auch ein regelmäßiges Diabetes-Update (pdf) (Dauer: ein Wochenende pro Jahr). Aber wir bieten auch spezielle Schwangerschafts- und Entbindungsvorbereitung an (pdf) (Dauer: ein Nachmittag, auch Partner sind willkommen) oder auch eine spezielle Schulung für Menschen an, die durch Hypos (pdf) bewusstlos waren.
 
DA: Warum ist es besser, bei Ihnen eine Schulung zu machen, als acht Monate auf eine dreiwöchige Kur zu warten?
 
Prof. Dr. Kinga Howorka: Schulungsmodule werden bei uns dem individuellen Bedarf jedes einzelnen Patienten angepasst. Im Lauf einer Diabetes-Karriere kommen Zusatzerkrankungen wie Bluthochdruck oder Bluttfette dazu. Darüber muss man nicht gleich am Anfang so genau Bescheid wissen. Aber wenn das Problem da ist, sollte man dann auch hier wieder zum Experten werden. Bei unseren Schulungen bleiben die Patienten in ihrem normalen Leben integriert, bei einer Kur haben sie eine Sondersituation, die nicht mit dem Alltag vergleichbar ist. Damit ist aber auch die Wirksamkeit einer Kur zeitlich limitiert. Zu guter Letzt: wir haben gemessene Ergebnisse von unseren Programmen und liegen im Vergleich mit europäischen Diabetes-Zentren bei gleich drei Parametern an der Spitze. Unsere Patienten haben erstklassige HbA1c- und Blutdruck-Werte und besonders stark ist der Unterschied bei den Bluttfett-Werten.
 
DA: Gibt es darüber hinaus Vorteile für die Patienten?
 
Prof. Dr. Kinga Howorka: Menschen, die bei uns geschult sind, wissen genau, wie sie ihre Therapie jedem Umstand, ob Urlaub oder besondere Anstrengung, anpassen können und werden die Therapie daher auch viel eher einhalten als andere, die ahnungslos etwas nur „verschrieben“ bekommen.
 
DA: Ihr System birgt aber nicht nur Vorteile für den Patienten sondern auch für das Gesundheitswesen?
 
Prof. Dr. Kinga Howorka: Ja und zwar:
1. Geringere Kosten. Selbst eine umfassende Modulare Schulung ist rund 95 (!) Prozent billiger als eine herkömmliche Kur.
2. Kostenminimierung durch weniger Folgeschäden und –erkrankungen.
3. Vorteil für die Medizinerkollegen: kompetente Patienten brauchen weniger Behandlungsaufwand von Seiten der behandelnden Ärzte, weil sie vieles selbst übernehmen.
Freilich gibt es auch einen „Nachteil“: Patienten, die von uns kommen haben eine längere Lebenserwartung, das kostet dann natürlich die Pensionsversicherung mehr.
 
DA: Wo finden Interessierte das aktuelle Schulungsprogramm
 
Prof. Dr. Kinga Howorka: Auf unserer Homepage www.diabetesfit.org, bei Euch im Terminkalender und natürlich am Besten in meiner Ordination,
Telefon +43-1-40 606 96, ev. 40 400 3981
 
DA: Was die Kosten angeht? Werden die Schulungen bei Ihnen von der Krankenkasse bezahlt?
 
Prof. Dr. Kinga Howorka: Nur für Typ-2-Diabetiker, die im Diabetes Management Programm Therapie Aktiv eingeschrieben sind, werden die Kosten von der Krankenkasse übernommen.
Aber ehrlich: haben Sie auch nur den Bruchteil einer Sekunden gezögert, als es um die Kosten für den Führerschein ging? Dabei ist der nicht einmal lebenswichtig. Eine gute Schulung ist für Diabetiker aber tatsächlich lebenswichtig und lebensverlängernd. Das sollte jedem doch wirklich ein paar Euro wert sein.
 
DA: Wir danken für das Gespräch.