Liebe und Sex

Lust-Verlust: Ein Thema bei Frauen mit Diabetes?

Dass Männer mit Diabetes mellitus häufig unter erektiler Dysfunktion leiden, ist hinlänglich bekannt. Dass auch diabetische Frauen mit sexuellen Problemen konfrontiert sind, ist weniger offensichtlich. Anlässlich des „2. Europäischen Tages der Gesundheit und Sexualität“ im Wiener Rathaus führte JATROS Diabetes & Stoffwechsel ein Interview mit Dr. Heidemarie Abrahamian, Oberärztin an der 3. Medizinischen Abteilung, Krankenhaus Hietzing.
 
Frau Dr. Abrahamian, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit sexuellen Störungen im Zusammenhang mit Diabetes mellitus, speziell bei Frauen. Warum ist dieses Thema so wichtig für Sie?
 
H. Abrahamian: Ich beschäftige mich seit Beginn meiner ärztlichen Ausbildung, also seit 1985, mit diesem Thema – am Anfang vor allem mit sexuellen Störungen bei Männern mit Diabetes mellitus. Dann habe ich auch begonnen, die Frauen dazu zu befragen, und bin darauf gekommen, dass hier eigentlich ein sehr hoher Bedarf besteht. Viele Dia-betikerinnen haben auch sexuelle Störungen, vor allem in Form einer HSDD, der sogenannten Hypoactive Sexual Desire Disorder. D.h., sie haben ganz einfach eine verminderte Lust auf Sexualität. Dann hat mich interessiert, ob diese Tatsache speziell mit Diabetes oder mit dem metabolischen Syndrom zusammenhängt, und da bin ich weiter in die Tiefe gegangen.
 
Was ich unbedingt noch zu dieser ersten Frage sagen will: Es wird in der Öffentlichkeit immer kolportiert, dass Männer dieses Thema tabuisieren. Das, finde ich, stimmt überhaupt nicht – die Männer reden darüber, weil sie ja darüber reden müssen, wenn es nicht funktioniert. Bei den Frauen funktioniert es dennoch. Obwohl sie eine Störung haben, müssen sie nicht darüber reden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eher die Frauen das Thema tabuisieren und auch unangenehm berührt sind, wenn man sie darauf anspricht.
 
Was ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen mit Diabetes mellitus in Bezug auf sexuelle Funktionsstörungen?
 
H. Abrahamian: Was ich beobachte, ist – es gibt ja wenig Publikationen dazu –, dass bei Frauen die Akutauswirkungen des Blutzuckers mehr zum Tragen kommen. Zum Beispiel: Bei einer Hyperglykämie über 250mg/dl trocknet die Schleimhaut der Scheide derartig aus, dass die Frauen wirklich Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und dann auch weniger Lust haben.
 
Wie sind die Pathomechanismen der Sexualstörungen bei Frauen mit Diabetes mellitus? Welche Faktoren spielen bei der Entstehung eine Rolle?
 
H. Abrahamian: Eine wesentliche Rolle bei der Frau spielt die neuropathische Störung im Rahmen des Diabetes. Der Genitalbereich ist ja ein noch viel empfindlicherer Bereich als z.B. der Fuß. Wenn also schon eine diabetische Neuropathie vorliegt, haben die betroffenen Frauen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im Genitalbereich eine Störung. Aber es gibt auch eine ganz frühe Form der sensorischen Störung im Genitalbereich. Das kann man mit einem Biothesiometer – also mittels Vibrationen – messen. Man hat festgestellt, dass bei diesen Frauen die Empfindlichkeit am Eingang der Scheide deutlich herabgesetzt ist. Eine wichtige Rolle spielen auch – wie bereits erwähnt – die Zuckerschwankungen. Selbst wenn die Frauen gut eingestellt sind, ist ihr Zuckerniveau immer etwas höher als bei nicht diabetischen Frauen. Das führt zu einer Trockenheit der Scheide und Lubrikationsstörungen. Und letztendlich – da weiß man noch nicht allzu viel darüber – spielt auch bei Frauen die endotheliale Dysfunktion als ganz früher pathophysiologischer Mechanismus eine Rolle. Denn die intakte Endothelfunktion ist Voraussetzung für eine ausreichende Durchblutung des Genitalbereichs. Und diese ist ja ganz entscheidend für die Lustempfindung.
 
Wie sollen behandelnde Ärztinnen und Ärzte mit diesem Thema umgehen?
 
H. Abrahamian: Behandelnde Ärzte und Ärztinnen sollten die Frauen auf dieses Thema ansprechen. Ich stelle immer eine unverfängliche Frage wie: „Sind Sie mit Ihrer Sexualität zufrieden?“, denn das gibt der Frau die Möglichkeit, sich entweder zu öffnen oder ihre Zufriedenheit kundzutun. Ich bohre nicht nach, wenn ich merke, dass jemand nicht darüber reden will. Schon gar nicht lasse ich das Ganze in ein Verhör ausarten. Das muss jede Frau selbst entscheiden, ob sie darüber sprechen will oder nicht.
 
Es gibt einen speziellen Fragebogen – den weiblichen Sexualindex –, mit dem sexuelle Probleme bei Frauen abgeklärt werden können. Wie schaut dieser aus?
 
H. Abrahamian: Beim sogenannten Female Sexual Function Score geht es darum herauszufinden, welche Störungen vorliegen, in welchem Zeitraum und wie häufig sie auftreten, sodass man evaluiert zu einem Ergebnis kommen kann, ob Frauen an einer sexuellen Dysfunktion leiden oder nicht. Vor allem kann man damit auch herausfinden, ob es sich um eine vorübergehende Störung handelt – es kann ja vorkommen, dass die Frau weniger Lust hat, weil es Stress im Beruf oder familiäre Probleme gibt – oder ob hier wirklich eine dauerhafte Störung vorliegt, die einer Therapie bedarf.
 
Welche sind die wichtigsten therapeutischen Maßnahmen bei Frauen mit Diabetes mellitus und sexuellen Problemen?
 
H. Abrahamian: Prinzipiell muss man als Erstes schauen, dass der Zucker gut eingestellt ist und die Blutzuckerschwankungen möglichst gering gehalten werden. Damit sind die Lubrikationsstörungen weniger häufig. Dann muss man sich die Hormone anschauen: Manchmal treten im Zusammenhang mit dem Diabetes auch andere endokrine Dysfunktionen wie Schilddrüsen- oder Hypophysenfunktionsstörungen auf, die deutliche Libidoprobleme nach sich ziehen. Das könnte man gut behandeln. Letztendlich gibt es Studienansätze mit PDE-5-Hemmern – speziell Sildenafil ist hier untersucht worden –, die zu einer Verbesserung der sexuellen Funktion auch bei Frauen geführt haben. Die Wirksamkeit von synthetischen Melanocortinen bei der weiblichen und männlichen sexuellen Dysfunktion wird derzeit evaluiert. Melanocortinerge Substanzen binden an Melanocortinrezeptoren im Hypothalamus und führen zu einer deutlichen Verbesserung der weiblichen Erregungsstörung. Für Bremelanotide, ein nasal applizierbares synthetisches Peptid, konnten gute Wirkungen in Phase-II-Studien nachgewiesen werden (J Sex Med 2008; 5(4): 887–97).
 
Um auch kurz auf das Thema männliche Sexualität im Zusammenhang mit Diabetes mellitus einzugehen: Welche Faktoren spielen da eine Rolle?
 
H. Abrahamian: Wichtig ist die diabetische Angiopathie der kleinen Gefäße, wobei auch hier wieder die endotheliale Dysfunktion eine ganz wesentliche Rolle spielt. Eine aufrechte endotheliale Funktion ist Voraussetzung dafür, dass die Gefäße im Genitalbereich weit werden und sich mit Blut füllen, damit es zu einer ausreichenden Rigidität, d.h. Versteifung, des Penis kommen kann. Die penilen Gefäße müssen sich um 80% ausdehnen, damit eine ausreichende Blutfüllung für die Erektion da ist. Im Vergleich dazu muss sich das Koronargefäß bei entsprechendem Bedarf um nur 20–30% erweitern. Somit ist klar, warum eine Störung der endothelialen Funktion in diesem Bereich viel früher manifest wird als anderswo.
 
Der Testosteronspiegel ist nicht so häufig Grund für eine erektile Dysfunktion, wohl aber für den Libidomangel. Man weiß, dass ca. 30% aller Männer mit metabolischem Syndrom einen niedrigeren Testosteronspiegel haben, aber es ist nicht ganz klar, ab welchem Wert wirklich Erektionsprobleme auftreten. Wenn wir einen Testosteronmangel nachweisen können und eine Störung der Sexualität vorliegt, substituieren wir.
 
Die diabetische Neuropathie beim Mann äußert sich – ähnlich wie bei der Frau – als eine eher vorübergehende Störung bei schlechter Stoffwechseleinstellung. Bei Normalisierung der Stoffwechsellage regenerieren sich die Nerven wieder. Liegt eine schwere Neuropathie vor, die auch den Nervenplexus des Rückmarks betrifft, kann schon eine dauerhafte erektile Dysfunktion resultieren. Das ist aber eher seltener der Fall und wahrscheinlich sind davon betroffene Männer auch die Non-Responder auf PDE-5-Hemmer – neben denen mit Testosteronmangel.
 
Wir danken für das Gespräch!
 
Das Interview führte: Dr. Luitgard Grossberger
 
Unsere Gesprächspartnerin: Prim. Dr. H. Abrahamian
Abteilungsvorständin Interne Abteilung
Sozialmedizinisches Zentrum
Baumgartner Höhe
Otto Wagner Spital
1145 Wien, Baumgartner Höhe 1
Tel: 910 60 - 21208