Peters Pen

Alles ganz normal

Von Peter Illetschko

Manchmal sitzt dem Diabetiker der Schalk im Nacken. Und das geht dann so: Neulich fragte mich eine Kollegin beim gemeinsamen Mittagsessen, als sie meine Zuckermess-Insulinspritz-Prozedur beobachtete, ehrfurchtsvoll: „Was machst Du da?“ Ich antwortete: „Das ist eine völlig neue Form der Ernährung. Ich bin eine von mehreren Millionen Testpersonen, die auserwählt sind. Streng geheim.“ Gelächter der Wissenden. So ganz falsch war meine Bemerkung ja nicht. So bewusst habe ich mich noch nie ernährt wie in den vergangenen zehn Jahren, seit ich Typ 1 Diabetiker bin. Nur geheim ist daran nichts.

Ein anderer Kollege, der sehr viele selbst gedrehte Zigaretten raucht, bewunderte einmal die Tasche meines Messgeräts. „Was hast du denn in dieser coolen Tasche?“ Ich sagte nur: „Meinen Tabak“.

Mit meinen besten Freunden mache ich dann noch ein paar dumme Witze über Insulin. Und weil es nach Lack und Tapezierkleister riecht, sagte einer von ihnen kürzlich: „Hast Du das im Baumarkt gekauft?“ Ich konterte: „Klar irgendeinen Kleber brauche ich schon, um alles zusammen zu halten.“

All diese Antworten kommen natürlich aus dem Bedürfnis heraus, als Diabetiker, der gut eingestellt ist, wahrgenommen zu werden. Soll heißen: Als Mensch, der ein ganz normales Leben führen kann. Vor zehn Jahren war ich noch bemüht, mit dem Messen und Insulinspritzen nicht in die Öffentlichkeit zu treten. Wenn es doch sein musste und mich jemand darauf angesprochen hatte, war ich total verwirrt. Ich erinnere mich, dass mich eine ältere Dame in einem Restaurant aufforderte, für das Insulinspritzen auf die Toilette zu gehen. „Müssen Sie das hier vor allen Leuten machen?“

Natürlich haben sich auch die Zugänge der Öffentlichkeit zum Diabetes geändert. Auch Nicht-Betroffenen sind besser aufgeklärt und zeigen nicht mehr mit dem Finger auf Zuckerkranke nach dem Motto: „Schau, der ist zu fett und selber schuld, dass er krank ist.“ Man weiß, dass es auch Formen des Diabetes gibt, die nicht mit Adipositas zusammen hängen, und dass man auch dicke Zuckerkranke nicht belächeln sollte.
Aber auch das Selbstbewusstsein des mittelschlanken Autors ist ein anderes geworden. Das Leben ist in seiner Normalität anstrengend genug, da muss ich mich nicht für Insulinspritzen genieren.

Es gibt aber auch Menschen, die sich auskennen, und betroffen beinahe zerfließen, wenn sie mich bei der Mess-und-Spritzprozedur beobachten. Ihre Augen sprechen mir die „Mitleidstufe 10“ zu. Ihre Fragen lauten: „Wie oft musst du das tun?“ „Darfst du alles essen?“ „Darfst du was Süßes essen?“ „Kann man daran sterben?“ Hilfe.

Mit dem Mitleid ist es wie mit der Liebe. Zu viel kann erdrückend sein. Eigentlich brauchen wir Diabetiker überhaupt kein Mitleid, nur Liebe. Und schon gar keine ahnungsvollen Fragen über ein etwaiges krankheitsbedingtes Lebensende. Nur um eines klar zu sagen: Nein, man kann daran nicht sterben, man kann aber an den grauenhaften Folgen des Diabetes sterben: Herzinfarkt, Schlaganfall etc. Aber auch nur dann, wenn man seinen Lebensstil und seine Ernährung nicht bewusst umstellt, und keinen Sport macht, dafür aber nach dem Schweinsbraten noch eine Sachertorte – weil man sie eh ohne Schlagobers nimmt – isst. Das kann böse Folgen haben. Aber das wissen wir ja.

Der Autor und die Redaktion sind offen für Feedback und Anregungen. Ein Mail an office@diabetes-austria.com reicht.