Ärzteportraits

Univ. Prof. Dr. Guntram SCHERNTHANER

Vorstand der 1. Medizischen Abteilung, Rudolfstiftung Wien

Der dem Zucker Saures gibt

Von Wolfgang Höllrigl

"Die Fortschritte der Medizin sind ungeheuer. Man ist seines Todes nicht mehr sicher", konstatierte der Satiriker Hans-Kersten. Als Österreichs führender Diabetologe hat Univ.-Prof. Dr. Guntram Schernthaner, 58, Vorstand der 1. Medizinischen Abteilung im Wiener Krankenhaus Rudolfstiftung, nach Kräften dazu beigetragen. Denn in Schernthaner hat der stille Killer Diabetes einen Gegner gefunden, wie man ihn besser nicht erfinden kann: Ehrgeizig und, wenn's sein muss, arbeitswütig bis zur Selbstausbeutung. Als ehemaliger Schilehrer bis heute gut für Drive und immer an neuen Bestmarken orientiert. Und vielschichtig.

Denn der in Abtenau geborene Arzt hat zwar das Auftreten eines EU-Diplomaten, ein Faible für Oper, Theater und Konzerte und die verhaltene Mimik eines Kuckucksuhrenschnitzers. Aber wenn's um Heilkunde geht, versprüht er das Feuer jedes Visionärs: "Für mich ist Medizin eine Non-Stop-Revolution. Nichts, was einmal gestimmt hat, ist wahrscheinlich auch in Zukunft richtig. Beispiel: Früher hat man Menschen mit Magengeschwüren das Nervensystem herausgerissen, oder man hat Rollkuren gemacht und sie zum Psychiater geschickt. Dann hat man festgestellt, hinter der Erkrankung steckt in Wahrheit ein Bakterium." Und nach einer Gedankenpause: "Auch in der Behandlung von Diabetes hat sich vieles grundlegend geändert."

Schernthaners Kampf reicht 30 Jahre zurück, als der junge Internist an der Klinik Fellinger registrierte, dass Diabetiker zwar bis zum letzten Zucker betreut wurden, die wissenschaftliche Erforschung des Leidens unter Doktores aber nicht wirklich ein Thema war. Was Ökonomen als Marktnische bezeichnen, wurde für Schernthaner Ambition und Schicksal zugleich. Denn er begann, eine klinische Diabetologie aufzubauen und bildete in seinem Team Ärzte aus, die heute zu den Kapazitäten des Fachs und Landes gehören (wie etwa Univ-Prof. Dr. Rudolf Prager oder Univ.-Prof. Dr. Bernhard Ludvik). Auch die Hamburger Professorin Ingrid Mühlhauser, die Nephrologin Univ.Prof.Dr.Renate Klauser sowie der Osteologe Univ.Prof.Dr.Peter Pietschmann waren lange in seinem Team. Er setzte sehr frühzeitig (1980) auf Patientenschulung. Und er trieb Studien voran, die dem Zucker Saures geben. Seit 1974 hat Schernthaner 397 wissenschaftliche Arbeiten publiziert; allein die Auflistung der Titel umfasst 22 Din-A4-Seiten. 1988 wechselte er als Primar an die Rudolfstiftung. Heute zählt seine Abteilung in Sachen klinischer Diabetesforschung zu den besten Europas.

Das Verhängnis des Mediziners aus Leidenschaft: auch sein Gegner scheint nicht zu biegen. Denn getragen von Bewegungsarmut und Volkes Stimme "Ohne Fett? Ohne Zucker? Ohne mich!" wird Diabetes weltweit zur größten Bedrohung des 21. Jahrhunderts.
Die tristen Zahlen dazu: Allein in Österreich leiden mehr als 500.000 Menschen an Diabetes. 90 Prozent davon sind Typ-2-Diabetiker. 70 Prozent der Betroffenen erliegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 30 bis 50 Prozent aller Patienten, die wegen Nierenversagens zur Dialyse (Blutwäsche) müssen, sind zuckerkrank. Ein Drittel aller Schlaganfall-Opfer hat Diabetes. Durch Augenhintergrund-Schäden (diabetische Retinopathie) droht Erblindung. Gefürchtet sind auch die chronischen Nervenschäden (diabetische Neuropathie), die zur Fußamputation führen können.

Und offenbar kommt's noch dicker. Denn EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou warnte im März vor einer "drohenden Fettsucht" in Europa. Bereits 14 Millionen seien bereits krankhaft übergewichtig und auf dem besten Weg, sich zu Tode zu futtern. Jedes Jahr kommen 400.000 dazu, entsprechend brisant alle Diabetes-Prognosen. Geschätzter jährlicher Zuwachs: 20 Prozent.
Experte Schernthaner kennt die Tendenz – und weiß auch, dass Aufklärungsarbeit verpufft: "Lifestyle-Magazine propagieren zwar ständig den Fitness-Trend und Diäten. Aber sie erreichen nur Info-Eliten, nicht aber die breite Masse, die sich in der Freizeit mit Snacks vor den Fernseher setzt oder im Internet surft." Und weil Prävention nicht greift, bekämpft der Professor den Zucker akut auf breiter Front. Stichworte zu gewonnen Stellungskriegen seiner Abteilung: die Cyclosporin-.Studien (Resultat: eine erfolgreiche Therapie für Typ-1-Diabetiker), die Action LADA (stoppt LADA-Diabetes), Nephropathiestudien, Quartett-Studien und die Untersuchung STOP-NIDDM (erbrachte Hilfe für Typ-2-Diabetiker). Enge wissenschaftliche Kooperationen hat er mit mehr als 20 verschiedenen Forschungsgruppen durchgeführt, darunter auch in den USA, Australien und Kanada.

Ärzte haben Schweigepflicht, wenn es um ihre Honorare geht. Der Stellenwert Schernthaners zeigt sich freilich auch fernab von Barem: Fast jedes Wochenende gastiert der Spitzenarzt als Vortragender auf einem Kongress, zum Pensum gehören etwa 30 Auslandsreisen pro Jahr, bisher wurde er in 55 Länder eingeladen, die Vorbuchungen reichen bis 2008. Oft wird der Mediziner von seiner Frau begleitet, immer geht es ihm um den Kick, der seine Karriere bestimmt hat: "Forschung ist eine Sucht. Ich bin immer auf der Suche nach Neuem."

Behält die Ehefrau – Kunsthistorikerin und Archeologin - recht ("Mit 60 sollte man langsam an Rückzug denken"), dann wird Österreichs Pionier der Diabetesforschung wohl nicht mehr aktiv sein, wenn sein Lebenstraum in Erfüllung geht: der Sieg über die Zuckerkrankheit. Ein zentral wirksames Medikament, an dem acht Pharmakonzerne forschen, soll das Sättigungsverhalten einmal derart modifizieren, dass Kaloriensünder um 25 Kilo abschlanken. Schernthaner: "Das wäre die erfolgreichste Pille der Welt."

Klappt's nicht, steht die nächste Generation schon zum Kampf bereit:
Beide Söhne des Professors sind Ärzte; seine Tochter studiert Wirtschaft.

Auf ein Wort – private Fragen an Prof. Schernthaner

Was ist für Sie das größte Unglück? Krankheit und Tod in der Familie.
Was ist für Sie das vollkommene Glück? Schifahren, wenn's eiskalt ist und der Himmel blau.
Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten? Eine Kombination aus Intelligenz, Charme und Schönheit.
Was verabscheuen Sie am meisten? Unehrlichkeit und Illoyalität
Ihr Hauptcharakterzug? Sehr ehrgeizig.
Ihr größter Fehler? Ich hätte gern, dass alle den Drive haben, den ich mir selbst aufzwinge
Ihre Lieblingsbeschäftigung? Musik, Kunst, Theater und Schifahren
Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen? Sprachentalent – ich würde gern zehn Sprachen sprechen