Ärzteportraits

OA Dr. Gerhard Cerny
Leiter der Stoffwechselambulanz am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Eisenstadt und Initiator des Burgenländischen Modells

3.966 km² Pionierarbeit

Dem Burgenland den Rücken kehren, Kunstgeschichte studieren und die Welt bereisen. Vieles hat sich Dr. Gerhard Cerny in sehr jungen Jahren vorstellen können - ins Familiengeschäft einzusteigen, gehörte nicht zu seinem Plan. Doch unbewiesener Maßen lässt sich das Doktor-Gen nicht einfach verdrängen. Cernys Vater und beide Brüder sind praktische Ärzte, die Schwester führt eine Apotheke, Onkel und Tante sind Gynäkologen, der Cousin ersten Grades Kinderarzt, dazu kommen in der Familie noch ein Unfallchirurg und ein weiterer Gynäkologe.
 
In Eisenstadt 1955 geboren, zog Gerhard Cerny zum Medizinstudium nach Wien und für den Turnus retour nach Eisenstadt. Ein Studentenaustausch brachte den Jungmediziner schließlich bis nach Ägypten in die Stadt Zagazig, im östlichen Nildelta 76 Kilometer von Kairo entfernt gelegen. Eine Famulatur, die prägend war. „Ich habe sechs Monate lang viele Tropenkrankheiten von Malaria bis Bilharziose gesehen, Augenerkrankungen und Leiden, die man bei uns gar nicht sieht.“ Früh Vater geworden - Cerny hat zwei erwachsene Söhne und eine Tochter -, ließ sich der Wunsch in der Entwicklungshilfe zu arbeiten, nicht realisieren: „Mit Haus und Hof und drei Kindern ist das nicht machbar“.
 
Den weiteren Mediziner-Weg prägte das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Eisenstadt. Der jüngste Assistenzarzt im Krankenhaus fand sich schnell bei Dialysepatienten wieder, weit weg vom „spannenden“ Herzkatheter. „Diabetes war damals keine anerkannte Sache, man hat ihn nicht ignoriert, aber auch nicht sehr ernst genommen. Ein Blutzuckermessgerät wurde erst verwendet, wenn es längst zu spät war“, weiß der Oberarzt, Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie, Stoffwechsel und Leiter der Ambulanz. „Der Diabetes hat mich aber schnell interessiert, ich habe mich der Österreichischen Diabetes Gesellschaft zugewendet und Kongresse besucht.“
 
Mit der St. Vincent Deklaration (verabschiedet 1989 auf einer internationalen Tagung in Italien) zur Prävention schwerer Folgeschäden bei Diabetes mellitus erlangte die „Zuckerkrankheit“ endlich den Status als ernsthafte Bedrohung. In Folge wurden auch in den österreichischen Bundesländern Konzepte erarbeitet: „Dr. Karl Irsigler gab sie in Auftrag, damit endlich etwas Vernünftiges gegen Diabetes gemacht wird“.
 
Pionierarbeit auf 3.966 km²
 
Wo einst ein „Stunderl“ Diabeteseinschulung mit einem Turnusarzt genügen musste, arbeiten heute zwei Diätologen, eine Psychologin, ein Arzt und eine Diabetesschwester Seite an Seite in der Stoffwechselambulanz der Barmherzigen Brüder. Von Eisenstadt aus erkämpfte sich Gerhard Cerny Schritt für Schritt ein paar Quadratmeter Burgenland, wo der Diabetes nicht länger ignoriert wurde. „Es waren langwierige Verhandlungen mit der Landesregierung bis ein Vertrag zustande gekommen ist“, erinnert sich Gerhard Cerny. Sie haben sich gelohnt.
Das erfolgreiche Diabetes-Schulungsprogramm „Modell Burgenland“ schafft nun seit mehr als 15 Jahren - seit 1. November 1995 in Kooperation mit der Burgenländischen Gebietskrankenkasse - Aufklärung und Abhilfe: „Wir betreuen heute 2000 Diabetiker in der Ambulanz und können flächendeckend Schulungen bei den praktischen Ärzten anbieten“. Von den Grundschulungsseminaren bis zur Diabetesakademie reicht die Fortbildung von Ärzten. „Es werden Diabetes spezifische Schwerpunktthemen erarbeitet, Administratives geklärt, Patientenführung und Patientenmotivation mit Spezialisten diskutiert“.
 
Mobiles Screening erreicht 10.000 Burgenländer jährlich
 
Doch Gerhard Cerny gibt sich nicht allein mit niedergelassenen Ärzten und der Ambulanz zufrieden, er setzt auf Mobilität: der Gesundheitsbus fährt quer durchs Burgenland, erreicht rund 10.000 Menschen jährlich, bietet u.a. Blutzucker- und Blutdruckmessung. Vorbeugen auch bei der Jugend: seit sechs Jahren werden im Rahmen von „Modell Burgenland“ 70 Prozent aller 15-Jährigen an höheren Schulen über Diabetes und Gesunde Ernährung informiert. Und getestet. Gemessen werden Body-Mass-Index, Bauchumfang, Blutzuckerwert und Blutdruck. Cerny: „Die Ergebnisse der 6.000 Schüler sind besser als erwartet. Mehr erschreckend als das Übergewicht, ist allerdings der erhöhte Blutdruck. Wir müssen aber erst auf die Auswertungen warten, um mehr darüber aussagen zu können.“
 
Seit Gerhard Cerny 1986 bei den Barmherzigen Brüdern in der Stoffwechselambulanz seinen Dienst gegen den Diabetes angetreten hat, überwiegen die positiven Entwicklungen: „Die Einstellung zum Diabetes hat sich zum Glück verändert, die Diabetiker outen sich, weil es auch gar keinen Grund mehr gibt, sich zu verstecken. Und die praktischen Ärzte sind heute höchst motiviert, Schulungen durchzuführen und ihre Diabetiker umfassend zu betreuen.“
 
Unter dem Motto „G’scheit essen im Burgenland“ werden Diabetikern als unterstützende Maßnahme kostenlose Ernährungs- und Gewichtsreduktionskurse angeboten. In diesem essentiellen Bereich kümmert sich Ernährungswissenschafterin Eveline Kager um das tatsächlich leibliche Wohl der Betroffenen – beruflich sind Cerny und Kager ein eingespieltes Team, privat eine Lebensgemeinschaft.
 
Diabetiker im Burgenland leben drei Jahre länger
 
Das „Modell Burgenland“ kann eine ansehnliche Statistik aufweisen: bis Dezember 2009 sind bereits 8000 Diabetiker im Burgenland geschult worden. Ohne Statistiken und Zahlen kann ein Riesenprojekt wie das „Modell Burgenland“ nicht auskommen, doch Leiter Gerhard Cerny sieht sich vor allem „als praktisch arbeitender Mensch, der es nicht so mit der Statistik hat“. Die Lebensqualität ist deutlich gestiegen, burgenländische Diabetiker leben heute im Durchschnitt drei Jahre länger als in anderen Bundesländern. Nicht genug für den kämpferischen Mediziner: „Zufrieden bin ich noch lange nicht. Erst, wenn der Diabetiker die gleiche Lebenserwartung hat wie ein Nichtdiabetiker, werde ich zufrieden sein“.
 
Mit seinem Beruf als Oberarzt, Leiter der Stoffwechselambulanz und des Programms „Modell Burgenland“ ist die Arbeitszeit von Gerhard Cerny reichlich ausgefüllt, doch vor einem Jahr hat der Mediziner auch noch seine eigene Praxis eröffnet. Mehr als 70 Wochenstunden, oft 30 Stunden am Stück verbringt Cerny im Krankenhaus – nicht die vielen Stunden bereiten ihm Missvergnügen, vielmehr das Administrative: „Ich würde sehr gerne mehr wissenschaftlich arbeiten und denken können, aber rund 50 Prozent der Arbeit verschlingt die Bürokratie“.
 
Zweimal pro Jahr gönnt sich der burgenländische Diabetes-Pionier eine Auszeit und geht gemeinsam mit Evelin Kager auf Tauchstation: „Ich reise seit 20 Jahren gerne überall hin, wo ich tauchen kann. Am liebsten nach Ägypten“. Naherholung gönnt sich Cerny beim Eislaufen am heimischen Neusiedlersee und beim Langlaufen im Leithagebirge. Von seiner Praxis aus überblickt er das gesamte Wulkatal. Gerhard Cerny ist trotz aller Zahlen und Fakten ein höchst menschlicher Arzt geblieben. Ein Mediziner, der schützen und aus gutem Grund keine Verbote aussprechen will. „Ich bin nicht so streng wie die Kliniken und lasse den Leuten viel Freiheit, denn sonst machen die Betroffenen ja auch gar nicht mit. Zu 80 Prozent muss der Patient selbst arbeiten, 20 Prozent Beratung steht uns Ärzten zu.“